Taufkirchenweg

Natur, Geschichte, Kunst und Geistigkeit in Karnien

Taufkirchenvertiefungen

Eine Taufkirche Foto

Die Pievi (Taufkirchen) stellten im Mittelalter eine rechtliche, religiöse und gesellschaftliche Macht dar, die an der Spitze eines bestimmten Gebiets stand. 


Sie wurden ab der Spätantike im Zuge der von den wichtigsten christlichen Städten ausgehenden Evangelisierung errichtet.


Die Taufkirchen von Karnien entstanden insbesondere unter dem Einfluss der Stadt Aquileja und ihres Patriarchats. 


Wie in allen Gebirgsregionen existierten im 4. Jahrhundert auch in Karnien nur wenige Dörfer, die sogenannten pagi.  In diesen pagi lebten jene Heiden, die zum Christentum bekehrt werden sollten – der lateinische Begriff pagus (Ort) stand für die Gemeinschaft und ihr Gebiet – und das bedeutendste Zentrum für die Verbreitung der christlichen Lehre in diesem Landstrich war der Ort Zuglio, Iulium Carnicum, der damals auch Bischofssitz war und die Rechtsprechung für die gesamte Region Karnien, einen Großteil vom Cadore und von Nordfriaul innehatte.  In der alten Basilika von Zuglio, von der heute nur mehr archäologische Reste erhalten sind, wurden den zum Christentum konvertierten Bergbewohnern Taufen und andere Sakramente gespendet. Gleichzeitig gab es in Karnien auch einzelne kleine Pievi, in dem die diesem Bezirk unterstellten Bewohner die gleichen Sakramente erhielten. Der Ausdruck Pieve leitet sich nämlich vom lateinischen pleps (Volk) ab und identifizierte und repräsentierte somit das Volk. Jeder Christ durfte damals nur die eigene Pieve besuchen.


Leider existieren keine schriftlichen Aufzeichnungen, die das Vorhandensein einer „Plebejer-Kirche“ vor dem Jahr 1000 bestätigen und es ist äußerst schwierig, auf präzise Weise das genaue Entstehungsjahr jeder einzelnen Taufkirche festzustellen, auch wenn teilweise verschiedene Elemente herangezogen werden können. In bestimmten Fällen ist das Vorhandensein eines Taufbeckens (und damit also die archäologischen Ausgrabungen) der sichere Nachweis für die Identifizierung einer Taufkirche:  Die in der Ausgrabungsstätte von San Martino entdeckte Taufkirche Santa Maria di Gorto lässt sich beispielsweise dank des Funds des antiken Taufbeckens auf das 5. Jahrhundert datieren und stellt nach Ansicht der Gelehrten eine der bisher ältesten Taufkirchen Karniens dar.  


Nach dem Beginn der Barbareninvasionen im 7. Jahrhundert und dem Rückzug der römischen Legionen fanden sich die Gebirgsvölker ihrem Schicksal überlassen und ohne ausreichenden Schutz wider. Und es geschah in diesem Zeitabschnitt, dass die immer zahlreicher werdenden Taufkirchen des Alpenraums begannen, neben ihren religiösen Aufgaben auch eine administrative und rechtliche Stellung einzunehmen, um damit die Organisation und Identität des Gebiets und seiner Einwohner aufrechtzuerhalten. Die Langobarden erkannten den Wert und den Nutzen dieser Kirchen an und bewachten sie, um die Einheit der unterworfenen Völker zu garantieren und zu fördern.  Die Pievi liegen oft auf Hügeln und fern von Dörfern und Ansiedlungen:  Sie erfüllen also auch eine Rolle als Aussichts- und Kontrollpunkt über Alpenpässe und Täler.


Der Ausdruck Pieve wird heute oft auf unsachgemäße Art und Weise genutzt und ausgedehnt, und zwar auch in dem hier beschriebenen Gebiet. Insgesamt gibt es in Karnien aber nur 10 einwandfrei geschichtlich dokumentierte historische Pievi (Taufkirchen):  San Floriano in Illegio, Santa Maria Oltrebut in Tolmezzo, Santo Stefano in Cesclans, San Martino in Verzegnis, Santa Maria Maddalena in Invillino, Santa Maria del Rosario in Forni di Sotto, Santi Ilario e Taziano in Enemonzo, Santa Maria Annunziata in Socchieve, Santa Maria di Gorto in Ovaro und San Pietro in Zuglio. Für manchen Gelehrten sind es auch elf, da er die Kirche von Ampezzo hinzuzählt, die für kurze Zeit das Recht hatte, unabhängig von der Mutterkirche in Castoia Abgaben einzutreiben.


Im Jahr 813 bestimmte Karl der Große die Pievi zum Ort für die Einhebung des Zehnten, eine Kirchensteuer, die von den Arbeitseinkünften (Landwirtschaft, Viehzucht, Handel, Miliz) berechnet wurden, deren zehnter Teil dem Klerus zustand, um damit den baulichen Erfordernissen der Taufkirche nachzukommen. Ein Viertel des Zehnten, der sogenannte quartese, ging an den Pfarrer.  Und es sind genau diese Steuern, mit denen sich das Vorhandensein einer Pieve im Spätmittelalter mit Sicherheit belegen lässt. Die ersten beiden Verzeichnisse der Pievi (Taufkirchen) von Karnien sind aus den Jahren 1247 und 1296 und betreffen in beiden Fällen Steuern: Die erste Steuer wurde den Kirchen und anderen religiösen Einrichtungen der Diözese von Aquileja vom Patriarchen Berthold von Andechs auferlegt, um damit wahrscheinlich den östlichen Teil des Römischen Reichs im Hinblick auf einen Kreuzzug zu unterstützen.  Die Zweite war eine aus Rom stammende Abgabe. (De Vitt, 2004)


Bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts begannen die Pievi, ihre zentrale Rolle im christlichen Leben zu verlieren. Vom 14. bis zum 15. Jahrhundert beschleunigten der Bevölkerungszuwachs und die schwer zugängliche Lage mancher Regionen die Entstehung von Landpfarreien. Diese Pfarreien erhielten eine immer größere Zahl von Funktionen, die einst den Taufkirchen vorbehalten waren, wie zum Beispiel die Seelsorge, einen Pfarrer, einen Friedhof und ein Taufbecken, und übernahmen so nach und nach deren Aufgabe.


Im Gedächtnis der Bevölkerung bleibt jedoch das Zugehörigkeitsgefühl zu den alten Taufkirchen, die ein bleibendes Zeugnis der vergangenen Geschichte sind, bestehen.